Netzwerk des Monats: In Bielefeld hilft den Netzwerkpartnern ein Instrument der zielorientierten Projektplanung
Januar 2012
Mehr als 6.000 alleinerziehende Menschen leben in Bielefeld. Das entspricht etwa 20 Prozent aller Haushalte in der Stadt. Vielen bereitet besonders die Rückkehr auf den ersten Arbeitsmarkt Probleme. Gut die Hälfte der Alleinerziehenden ist auf staatliche Transferleistungen, wie Sozialhilfe und Arbeitslosengeld, angewiesen.
Ziel des im Juni 2011 gegründeten Netzwerkes „NAVI - Netzwerk Alleinerziehende verantwortungsvoll integrieren“ ist, Unterstützungsprozesse für Alleinerziehende in Bielefeld effizienter zu gestalten. An NAVI beteiligen sich außer der REGE mbH, die als Kommunale Arbeitsförderungsgesellschaft und Tochterunternehmen der Stadt Bielefeld zugleich Projektträgerin ist, die Agentur für Arbeit Bielefeld, die AWO Bezirksverband OWL, die Deutsche Angestelltenakademie OWL, die Fachhochschule der Diakonie, die Gleichstellungsstelle der Stadt Bielefeld und das Jobcenter Arbeitplus Bielefeld.
Seit Juni 2011 treffen sich die Netzwerkpartner dieser 7 Institutionen in monatlichen Workshops. Bereits im 2. Workshop wurde intensiv über die Wirkung der Netzwerkarbeit bzw. den „NAVI-Outcome“ diskutiert. Ein nachhaltiger Netzwerkauf- und -ausbau kann nämlich nur gelingen, wenn sich für alle beteiligten Netzwerkpartner Aufwand und Nutzen der Netzwerkarbeit in der Balance befindet. Erst wenn eine Balance zwischen den persönlichen, aber auch institutionellen Input ins Netzwerk und dem Nutzen, den sie später aus NAVI ziehen können, gegeben ist, wirkt das Netzwerk nachhaltig.
Um den Nutzen eines funktionierenden NAVI-Netzwerks für die Workshop-Teilnehmer/innen zu visualisieren, wurde auf die „zielorientierte Projektplanung“ als Analyse-Instrument des Projektmanagements zurückgegriffen (Zur methodischen Darstellung: Vgl. Michael Neutert (2009): Projekt- und Aufgabenbegleiter. Methoden – Werkzeuge – Hilfsmittel, Wuppertal, S. 38f.). Die Gruppe überlegte als sogenanntes „Einstiegsproblem“ hypothetisch, wie sich die Situation
- für Alleinerziehende,
- für Mitarbeiter/-innen in Institutionen, die mit Alleinerziehenden in Fragen der Kinderbetreuung, beruflichen Qualifizierung, Vermittlung und Leistungsbezug engen Kontakt haben
- sowie für Unternehmen
in Bielefeld gestaltete, gäbe es kein NAVI, d.h. keine wirksame Unterstützung durch systematisch miteinander verknüpfte Angebote in einem Bielefelder Alleinerziehenden-Netzwerk. Anders herum formuliert: Die mit dieser Methode „gebrainstormten“ Missstände machen für die Netzwerkpartner wünschenswerte Wirkungen eines Alleinerziehenden-Netzwerks noch einmal explizit transparent. Hier geht es darum, für alle Netzwerk-Partner mit Metaplankarten zu visualisieren, inwiefern das Netzwerk hilft, unerwünschte Auswirkungen für die 3 o.g. Gruppen zu vermeiden.
Als unterstützendes Instrument auch zum Thema Netzwerkbalance gilt: Je störender die negativen Auswirkungen von den Netzwerkpartnern wahrgenommen werden, umso größer wird auch der Netzwerk-Nutzen, d.h. die win-win-Situation für die Netzwerkpartner sein! Die einzelnen Partner sind umso stärker bereit, sich mittel- und langfristig für das Netzwerk einzusetzen und aktiv mitzuarbeiten (also „etwas zu geben“), wenn sie für sich individuell/institutionell auch die positiven Auswirkungen ihres Einsatzes spüren (also auch „etwas zurück bekommen“).
Während des Brainstormings wird jede Idee der Workshop-Teilnehmer dabei auf eine Metaplankarte notiert. Anschließend werden alle Metaplankarten gut sichtbar an einer Wand befestigt und gemeinsam mit der ganzen Gruppe sortiert. Zu diskutieren ist, ob und in welchen Beziehungen die genannten unerwünschten Auswirkungen zueinander stehen, z.B. ob sich manche Wirkungen anderen über- oder unterordnen lassen. Inklusive Brainstorming sollte im Workshop für das Sammeln und Sortieren der Karten mind. eine ¾ Stunde eingeplant werden.
Das Ergebnis sollte auf jeden Fall bildlich festgehalten werden. Sollten in einem Netzwerk zu einem späteren Zeitpunkt Fragen und Zweifel aufkommen, ob sich „Geben“ und „Nehmen“ für alle Partner noch in der Balance befindet, hilft der Blick auf die im Brainstorming notierten „unerwünschten Missstände fehlender Netzwerkstrukturen“, um sich wirkungsvoll an den Nutzen zu erinnern, den man durch das eigene aktive Mitmachen gewinnt.
1. Schritt: Analyse negativer Auswirkungen (bisher) fehlender Netzwerkstrukturen:
Den Netzwerkpartnern in Bielefeld fielen in ihrer intensiven Brainstorming-Runde für alle 3 Gruppen viele negative Auswirkungen der bisher fehlenden Netzwerkstrukturen ein. Als unmittelbare Folgen fehlender Netzwerkstrukturen für 1. Alleinerziehende wurde ein fehlender Zugang zu (passgenauen) beruflichen Qualifizierungen benannt. Problematisiert wurden hier auch die gesellschaftliche Isolation vieler Alleinerziehender und gesundheitliche Beeinträchtigungen aufgrund einer fehlenden häuslichen Entlastung. Langfristige Nachteile fehlender Netzwerkstrukturen wurden von Seiten der Netzwerkpartner im hohen Bedarf an Transferleistungen und dem höheren (Kinder-)Armutsrisiko in alleinerziehenden Familien gesehen.
Gleichfalls wurden negativen Wirkungen für 2. Mitarbeiter/innen überlegt. Ihnen fehlt häufig eine Transparenz über die Vielzahl vorhandener Unterstützungsangebote und ggf. auch eine ausreichende Beratungskompetenz bzgl. dieser besonderen Zielgruppe. Ratlosigkeit und ein überdurchschnittlicher Bearbeitungsaufwand pro Fall sind die Folge. Gefühlte Wirkungslosigkeit gefundener „Lösungen“ führt auf Dauer schlimmstenfalls zu beruflicher Frustration und zu einer inneren Kündigung.
3. Unternehmen machen häufiger Vorbehalte gegenüber der Einstellung bzw. Beschäftigung von Alleinerziehenden geltend. Dort, wo sich in einzelnen Unternehmen oder ganzen Branchen bereits ein Fachkräftemangel zeigt, kann die Nicht-Berücksichtigung qualifizierter Bewerbungen Alleinerziehender das Problem verstärken, dass Stellen unbesetzt bleiben mit der Folge verdichteter Arbeitsprozesse, einer Überlastung der restlichen Beschäftigten und damit einhergehender sinkender Arbeitszufriedenheit und Identifikation mit dem Unternehmen.
2. Schritt: Analyse der Ursachen (bisher) fehlender Netzwerkstrukturen
Das Instrument der zielorientierten Projektsteuerung bietet in einem 2. Schritt noch die Möglichkeit einer systematischen Ursachenanalyse der vorher benannten Missstände: Auch hier hilft Brainstorming dabei zu erfassen, was in der Vergangenheit einem wirksamen Alleinerziehenden-Netzwerk entgegen stand – seitens der Alleinerziehenden, der unterstützenden Institutionen aber auch von unternehmerischer Seite.
In Bielefeld wurde auf die Frage, warum es nicht längst ein solches Netzwerk gibt, z.B. eine fehlende Mitwirkung von Alleinerziehenden in Verbänden mit dem Ziel politischer Einflussnahme identifiziert. Auf Seiten der helfenden Institutionen wirken sich unterschiedliche Zielvorgaben und Arbeitsaufträge sowie fehlende Kenntnisse zu spezifischen Bedarfslagen bisher hemmend auf den Aufbau von Netzwerkstrukturen aus. Zu vermutende Ursachen für eine geringe oder fehlende Berücksichtigung von Alleinerziehenden in Bewerbungsverfahren sind vielfältig: Manche Unternehmen sind z.B. noch nicht ausreichend sensibilisiert, dass Alleinerziehende eine Personalressource darstellen. Neben einer Unbeweglichkeit gegenüber flexibleren Arbeitszeitmodellen spielen auch fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten insbesondere in den Randzeiten eine Rolle. Um auch die Unternehmen von der „win-win“-Situation einer Mitarbeit bei NAVI noch stärker zu überzeugen, wurde deshalb dieses Analyse-Instrument mit allen Teilnehmer/innen weiter ausdiskutiert.
Die spiegelbildliche Diskussion am 16.01.12 um den Nutzen von NAVI in Bielefeld zeigte einmal mehr den großen Bedarf zur weiteren Sensibilisierung und Einbeziehung von Bielefelder Unternehmen. Dies wird auch als wichtiger Auftrag von NAVI empfunden, damit sich die geleistete Arbeit bzw. die erzeugten Produkte wirklich nachhaltig in die Arbeitgeberlandschaft implementieren lassen und damit Alleinerziehenden der Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert wird.
Die ausgearbeitete Visualisierung der Auswirkungen-Ursachen-Matrix für 1. Mitarbeiter/-innen in Institutionen sowie 2. Unternehmen im Rahmen der zielorientierten Projektplanung von NAVI ist einsehbar im internen, passwortgeschützten Bereich der Programmwebsite www.netzwerke-alleinerziehende.de in der Rubrik „Arbeitshilfen“.



